HellenismosDasBuch

Dienstag, 10. Mai 2005

Dionysos ist anders

"Dionysos ist oft als der Gott des Nicht-Alltäglichen und manchmal sogar des Ganz-Anderen aufgefaßt worden. Wenn er zu den Menschen kam, dann kam er aus einer anderen Welt" (Merkelbach §84).

Wer ist dieser Gott aus einer anderen Welt?
Dionysos ist ein Gott des Widersprüchlichen: er wurde nicht nur einmal geboren, sondern zweimal: einmal von seiner Mutter Semele und danach aus dem Schenkel seines Vaters Zeus.
Er ist ein Gott der Natur, aber nicht wie Artemis, die als ursprüngliche Jägerin durch die Wälder streift, sondern als einer, der die Natur zu zähmen weiss, indem er sie kultiviert. Somit ist er auch der Gott des bäuerlichen Lebens, aber nicht als braver Bauer, der sich im Schweiß seines Angesichts abmüht, sondern als jener, der die Früchte des Weinstocks und der menschlichen Arbeit zu genießen weiß.

Und was soll diese "andere Welt" bedeuten?
Die Verehrung des Dionysos führt in eine Welt, die nicht die unsere ist, die Welt des normalen Alltags, Beruf und Familie, Arbeit und Sorge, Sinn und Wert. Aber auch nicht in eine jenseitige Welt, in ein versprochenes Leben nach dem Tod, in dem alles besser wird. Auch nicht in ein vom Diesseits abgehobenes Dasein in geistigen Welten durch spezielle Übungen. Sondern schlicht un einfach in eine Welt, in der man sich gehen lassen kann, in der keine Gesetze und sozialen Normen den Menschen beschränken – in eine Welt des Karnevals, der Verkleidung, des hemmungslosen Feierns, Lustigseins, jenseits sozialer Rollen und Verengungen. Doch seine Feste sind nicht alltäglich, sondern ein gezieltes und geplantes Ausbrechen aus dem Alltag für wenige Tage oder Stunden, gerade lange genug, um Aufgestautes abzubauen, bevor sich die psychischen Schutzmechanismen wie Verdrängung oder gar psychische Krankheiten wie Depressionen im Individuum ausbreiten konnten.
Diese andere Welt ist ein Blick zurück in das goldene Zeitalter, in dem "die Welt noch in Ordnung war", ein Blick in eine sorgenfreie Welt, wie sie sich jeder manchmal wünscht, und dessen kurzzeitige Realisierung in dieser Welt machte sich Raum in den dionysischen Festen.

Sonntag, 1. Mai 2005

Hellenismos - das Buch!

Eine neue Religion ist anscheinend nur etwas wert, wenn es mindestens ein Buch drüber gibt. Also werde ich eines schreiben. Ehrlich gesagt, auf Englisch gibt es eh schon zwei Bücher über den die moderne Version der antiken griechischen Religion, aber auf Deutsch eben noch nicht. Ausserdem sehe ich vieles anders als unsere amerikanischen FreundInnen.

Ich werde also meine halbfertigen Kapitel hier reinstellen, und die geehrten LeserInnen dieses Weblogs (ja, euch beide meine ich! ;) sind herzlich eingeladen, gleich mal zu schreien, wenn euch was nicht klar ist oder ihr der Meinung seid "Das ham die alten Griechen aber anders gemacht!".

Hier also mal das Vorwort:
Hellenismos, oder hellenischer Polytheismus, ist die traditionelle Religion des klassischen Griechenlands, nach antiken und wissenschaftlichen Quellen rekonstruiert und an die moderne Welt angepaßt.
Wesentliche Aspekte sind die Betonung des "echten" Polytheismus (mehrere kulturell abgegrenzte Gottheiten als eigenständige Wesenheiten) im Gegensatz zu Formen des Polytheismus, bei denen entweder mehrere Gottheiten aus verschiedenen Kulturen nebeneinander gestellt werden oder Gottheiten auf Archetypen reduziert werden; die Ablehnung eklektizistischer Praktiken, also jenes Trends, sich seine "eigene" (heidnische) Religion aus verschiedenen anderen Religionen und Traditionen zusammenzustellen; die Skepsis gegenüber modernen "vereinheitlichenden Theologien" wie zB dem Duotheismus der Wicca (Konzentration auf Die Göttin und Den Gott - "alle Götter sind ein Gott und alle Göttinnen sind eine Göttin"), das Paradigma der "dreifaltigen Göttin" (Jungfrau-Mutter-Alte) oder die Jungsche Archetypenlehre; die Betonung der individuellen spirituellen Inspiration, allerdings nur als Erweiterung, nicht als Ersatz der historischen Vorgaben.

Natürlich ist es nicht möglich, eine Religion, die über mehrere Jahrhunderte hinweg praktiziert wurde, als eine unveränderliche homogene Entität zu betrachten – somit ist eine exakte Rekonstruktion gar nicht möglich, und jede Gruppe ist aufgerufen, ihre je eigene Interpretation zu finden und zu leben.
Jede Religion brachte im Laufe ihrer Existenz mehrere Varianten (z.B. orthodoxere, liberale Richtungen oder Reformbewegungen, die einzelne Aspekte betonten) hervor, diese gilt es zu erkennen und auf ihre Lebbarkeit in der heutigen Zeit zu überprüfen.
Natürlich ist die zeitliche Distanz ein weiterer Faktor, der eine exakte Rekonstruktion erschwert, auch bei noch so gutem Quellmaterial, denn auch dessen Lektüre ist persönlicher Interpretation unterworfen, und man kann gewisse Modeströmungen innerhalb der Forschungsergebnisse erkennen.
Und nicht zuletzt ist bezüglich der Quellen selbst fest zu stellen, dass auch die antiken Autoren nur jene Dinge beschrieben haben, die sie selbst für wichtig erachtet haben, also sicher vieles Selbstverständliche gar nie Erwähnung fand.
Daher sollte die Tatsache akzeptiert werden , dass vieles trotz der Bemühungen der Wissenschaften nur erahnt werden kann, sowie die Notwendigkeit, antike Praxis an die modernen Gegebenheiten anzupassen.

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