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Samstag, 16. April 2005

Mythologie Teil 2

Ein anderer Ansatz: die Bibel ist doch die Grundlage der christlichen Religion. Warum kommen in den Geschichten der Bibel hauptsächlich Menschen vor, Gott hingegen tritt nur eher selten in Erscheinung?
Die Bibel ist ein Buch über das Zusammenleben der Menschen mit Gott, daher sieht man hauptsächlich Menschen, und nur wenn eine Krise droht, passiert etwas Göttliches. Paukendonnerschlag, und schon ertönt eine ehrfurchtgebietende Stimme, sagt einige markante Sätze und weg ist er. Oder er schickt überhaupt nur einen Engel.
Und im Neuen Testament tritt Gott gar nicht auf, es sei denn, man sieht Rabbi Jesus als Gott (was ja christliche Lehre ist). Keine Donnerschläge, dafür aber viele weise Worte und eine Menge Wunder.
In der griechischen Mythologie aber treten die Götter in rauen Mengen auf, tun ausser gelegentlichen Machtdemonstrationen eher menschliche Dinge wie Bogenschiessen oder Kinderzeugen, werfen eher selten mit weisen Worten um sich, und machen sich etwas langsamer vom Acker.
Was sagt uns das im Vergleich?
Bei den Juden steht im Vordergrund das Leben des Volkes mit seinem Gott. Bei den Christen die Lehre Jesu, im Grund eine Reformation des Judentums, also eine Erneuerung des Zusammenlebens des Volkes mit seinem Gott.
Die Hellenen hatten für solche Dinge keinen wirklichen Sinn. Sie lebten in vielen Poleis (Stadtstaaten), die miteinander zwar einiges Gemeinsame, aber auch viele Unterschiede teilten. Und die Götter? Ja, die waren im Großen und Ganzen schon gemeinsames Glaubensgut, und sie verbanden die einzelnen Volksgruppen. Und doch war es anders als bei den Hebräern.
Keine Drohbotschaft, keine Frohbotschaft – sondern die selbstverständliche Gegenwart der Götter. Und diese zeigt sich eben darin, dass in den Mythen der Mensch der griechischen Antike mit Göttern, Halbgöttern und Helden zusammenlebte, in ziemlich aktionsgeladenem Kontext, aber doch.
Und wenn man die Mythen durch die Filter der Psychologie, Soziologie, Anthropologie etc laufen lässt, bleibt dann vielleicht ein winziger Rest übrig, den man dann annähernd als "was wirklich geschah" betrachten kann.

Dienstag, 5. April 2005

Mythologie Teil 1

Was viele Menschen von den "alten Griechen" kennen, sind die Mythen von den Göttern und Helden. Wilde Geschichten, eigentlich. Und natürlich denken daher auch viele, dass die griechische Religion genau das gewesen sein muss: eine wilde Geschichte. Und daher uninteressant, denn wer will schon mit Göttern zu tun haben, die stehlen, morden und vergewaltigen.
Nun, wenn in einigen hundert Jahren Archäologen Spuren von Siedlungen des 20. und 21. Jahrhunderts finden, fallen ihnen dann auch vielleicht ein paar Herr-der-Ringe-DVDs in die Hände. Die meinen dann vielleicht auch, dass wir alle an Zwerge und Elfen geglaubt haben.

Die griechischen Mythen sind meiner Meinung nach zwar spannende Geschichten, haben mit der Religion der Griechen nicht viel zu tun. Wäre auch zu kompliziert, denn wie sollte man diese Fülle von actiongeladenen Einzelszenen überhaupt in eine lebbare Religion packen können? Und natürlich haben die Menschen lieber Götter, die irgendwie verehrungswürdig sind. Ausserdem gibt es auch viele Mythen, die sich quasi widersprechen, zB was den Geburtsort von Göttern betrifft. Da war es eben im Interesse mehrerer Städte, sich auf eine Gottheit oder einen Helden als Gründer berufen zu können. Also, in der Praxis taugen die Mythen nicht zur Religionsausübung.

Wozu also braucht man sie dann, wenn ihre religiöse Aussagekraft sowieso gleich Null ist? Nun könnte man sie als Allegorien, Metaphern oder archetypische Reflexionen von Sachverhalten sehen – aber ich sehe den einfachen griechischen Bauern vor mir, der mit verblüfftem Gesicht fragt: "Was bitte?" Gut, also nicht. Seit die Psychologie nämlich in der Religion mitreden will, ist diese nicht einfacher geworden, aber der einfache Gläubige, der nicht vom Verfassen hochgeistiger Bücher lebt, will eine einfach zu handhabende Religion.

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